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Poesie im Anthropozän

Dichten mit der Lyrikerin Andra Schwarz

vitamin de, Ausgabe Nr. 89, Regionalausgabe Ukraine

Andra SchwarzSeit der Epoche des Barocks ist die Naturlyrik ein fester Bestandteil der deutschen Dichtkunst. Ein Aspekt der Naturlyrik ist die Ökopoesie. Andra Schwarz greiſt diese Lyrik in ihrem Schreibworkshop „Seltene Erden – Poesie im Anthropozän“ auf. An dem Workshop im Februar nahmen Deutschstudierende aus Charkiw, Dnipro, Lwiw und Schytomyr teil. Im Interview berichtet die Lyrikerin, was sie an der Dichtkunst fasziniert.


Frau Schwarz, Ihr Schreibworkshop beschäftigte sich mit Ökopoesie. Was ist das genau?
Ökopoesie ist eine Untergattung der Naturlyrik, die aus der Umweltbewegung im angloamerikanischen Raum hervorging. Einige Menschen setzten sich schon damals für den Natur- und Klimaschutz ein. Sie versuchten, das Thema auch literarisch zu bearbeiten.

Und was ist mit Anthropozän gemeint?
Mit Anthropozän ist das Zeitalter gemeint, in dem der Mensch zum wichtigsten Einfl ussfaktor auf das Ökosystem der Erde wurde.

Wie haben Sie die Studierenden zum Schreiben motiviert?
Ich gab ihnen eine Einführung in Ökopoesie und Naturbeobachtungen anhand Italo Calvinos (1923 – 1985) Erzählband „Herr Palomar“. Dann bat ich sie, auffällige Wörter zu markieren und daraus ein
Gedicht zu entwickeln. Von den entstandenen Gedichten war ich sehr angetan, denn Poesie in einer Fremdsprache zu verfassen, ist eine besondere Herausforderung.

Erzählen Sie uns, wie Sie die Leidenschaft für das Schreiben entdeckt haben?
Das geschah, als ich 14 Jahre alt war. Damals machte ich eine musikalische Ausbildung. Musik und Lyrik sind sehr eng miteinander verbunden. In meiner Lyrik thematisiere ich vor allem landschaftliche Räume. Ich komme aus der Region Lausitz im Bundesland Sachsen. Dort hat der Braunkohletagebau die Landschaft über Jahrzehnte stark verändert. Eine Besonderheit der Region ist die slawische Minderheit der Sorben, die hier lebt. Heute befasse ich mich viel mit Themen, die Osteuropa betreffen.

„Am morgen sind wir aus glas“ lautet der Titel Ihres Debütbandes. Erzählen Sie uns bitte davon.
In den Gedichten geht es um meine Wurzeln und auch um eine sorbische Familie. Dann gibt es Reisegedichte, in denen ich mich verschiedenen Regionen zuwende. Zentral für meine Lyrik ist der Dialog zwischen dem Ich und dem Du.

Welche Trends erkennen Sie in der heutigen Lyrik in Deutschland?
Die heutige Lyrik thematisiert viele verschiedene Aspekte des Anthropozäns, insbesondere das Verhältnis von Mensch und Technik. Im Rahmen des Workshops habe ich ein Gedicht vorgestellt, das von einer künstlichen Intelligenz verfasst wurde. Die Teilnehmer glaubten, es sei von einem Menschen geschrieben worden.

Das Interview führte Cosmin Ţugui.


Über die Lyrikerin

Andra Schwarz wurde 1982 in der Oberlausitz geboren und lebt heute in Leipzig. Sie besuchte ein Musikgymnasium in Weimar und studierte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Halle an der Saale. Später folgte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2017 gewann sie den Leonce-und-Lena-Literaturpreis für ihren Debütgedichtband„Am morgen sind wir aus glas“. Der Workshop „Seltene Erden – Poesie im Anthropozän“ wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) mit Mitteln des Auswärtigen Amts (AA) gefördert und vom DAADLektorat Lwiw organisiert.

Fotos: Ildiko Sebestyen (Andra Schwarz), poetenladen Verlag (Cover des Lyrikbandes „Am morgen sind wir aus glas“), Deutscher Akademischer Austauschdienst (Logo)

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