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Bullerbü-Stimmung in Sibirien

Eine Fotoreise nach Litkowka

DSCN12561Jörg Müller ist Fotograf aus Hamburg. Der 50-Jährige fotografiert unter anderem für die deutschen Zeitschriften „National Geographic“ und „Der Spiegel“. Im Interview mit vitamin de spricht er über sein Projekt „5x Deutschland“ und seine Fotoreportage über das deutsche Dorf Litkowka in Sibirien.

Worum geht es beim Projekt „5x Deutschland“?

Im 19. und 20. Jahrhundert haben viele Auswanderer Deutschland verlassen und sich im Ausland eine neue Existenz aufgebaut. Ihre Nachfahren leben heute noch auf der ganzen Welt verteilt. Mit dem Fotoprojekt möchte ich das deutsche Leben auf fünf Kontinenten zeigen. Die Fotoreportage stellt deutsche Dörfer in Brasilien, Mexiko, Südafrika, Rumänien und Westsibirien vor.

Wie ist das Projekt entstanden?

Interkulturelle Reportagen haben mich schon immer interessiert. Ich bin vor vielen Jahren auf den kleinen deutschen Ort Rotfront in Kirgistan gestoßen. Im Auftrag der Zeitschrift „National Geographic“ habe ich dann vier Tage lang dort fotografiert. Daraus entstand der Beitrag „Bei Kellers in Kirgisistan“. Er wurde mehrmals nachgedruckt. Das Thema interessierte die Leute. Ich persönlich war auch davon fasziniert und wollte ein größeres Projekt machen. Meine Agenturchefin unterstützte mich dabei.

In Westsibirien dokumentieren Sie das deutsche Dorf Litkowka. Warum ausgerechnet Litkowka?

Ich habe im Voraus sehr ausführlich recherchiert und bin zufällig auf dieses Dorf gestoßen. Litkowka war für mich interessant, weil es unbekannt ist. Es gibt nicht viele Informationen darüber. Als ich es das erste Mal im Internet gesucht hatte, kam nur ein Treffer bei der Bildersuche. Meine Reise in dieses Dorf habe ich so geplant wie jede andere Reportagereise auch – nur mit weniger Kenntnissen. Ich habe lange mit Gerd Ludwig gesprochen. Er macht sehr gute Reportagen über Russland. Wir waren uns einig, dass es eine gute Idee wäre, einmal im Sommer und einmal im Winter nach Litkowka zu fahren. Das habe ich dann auch gemacht.

Können Sie ein bisschen von dem Dorf erzählen?

Litkowka liegt nördlich der westsibirischen Stadt Omsk. Um 1900 wurde das Gebiet durch Russlanddeutsche aus dem europäischen Teil Russlands besiedelt. 1905 schlossen sich diese zu dem Dorf Litkowka zusammen. Es existiert bis heute. In den 1990er Jahren emigrierte allerdings die Hälfte der Russlanddeutschen von Litkowka nach Deutschland. Sie kommt nur noch in den Ferien zu Besuch. Heute leben in Litkowka circa 500 Einwohner. An die 380 davon sind Russlanddeutsche.

Wird die deutsche Kultur in Litkowka noch gepflegt?

Vor meiner Reise habe ich mich intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt: Was ist eigentlich „deutsch“? Womit identifizieren wir uns? In Litkowka wird noch Deutsch gesprochen. Über dem Altar in der evangelischen Kirche steht genau die gleiche deutsche Inschrift wie in einer Kirche in einer deutschen Kleinstadt in Brasilien, die ich fotografiert habe. Es gibt deutsche Straßenschilder, aber auch gewisse „deutsche“ Eigenschaften wie eine Art Ordnungssinn oder gute Wirtschaftlichkeit. Auch Feste zu feiern ist „typisch deutsch“. Natürlich findet man in Litkowka ein Deutschtum „russischer Prägung“. Es entsteht ein Deutschlandbild, das man heute in einer multikulturellen deutschen Großstadt gar nicht mehr findet.

Wie sieht der Alltag der Dorfbewohner aus?

Die Leute haben eine Kuh, die sie melken und auf die Weide bringen müssen. Sie machen aus der Milch Käse und Schmand. Alles wird selbst gemacht. Man kann nicht eben mal etwas aus der Tiefkühltruhe holen. Überall stehen noch die alten Rechenschieber, die bei uns früher verwendet wurden. Das fand ich schon bemerkenswert.

Welche Motive wollten Sie mit Ihrer Kamera einfangen?

Ich hatte gehofft, dass ich Bilder bekomme, auf denen Kinder draußen spielen. Das erlebt man so gut wie gar nicht mehr. Ich würde das eine „Bullerbü-Stimmung“ nennen. Das ist diese Art von romantischer Kindheitserinnerung aus einem kleinen Dorf, wie man sie von der Kinderbuchreihe „Wir Kinder aus Bullerbü“ von Astrid Lindgren kennt. In Litkowka kann man das heute noch erleben. Das war für das Projekt natürlich super.

Was macht für Sie ein gutes Reportage-Bild aus?

Das Bild muss eine Emotion auslösen. Der ungarisch-amerikanische Fotograf Robert Capa hat einmal gesagt: „Wenn das Bild nicht gut ist, warst du nicht nah genug dran“. Das würde ich nicht eins zu eins übernehmen wollen, weil es seine spezielle Auffassung war, die sich stark auf seine Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten bezog. Aber es stimmt, dass es sehr wichtig ist, nahe an den Menschen zu sein, um emotionale Bilder zu machen. Man muss einen Bezug zu den Leuten haben, sonst bekommt man kein gutes Bild. In dem Moment, in dem die Leute merken, dass man ein ernsthaftes Interesse an ihnen hat, geben sie sich natürlich. Sie geben sich so, wie sie sind. Wenn ich in diesem Moment dicht bei den Leuten bin, dann kann ich ein gutes Bild machen.

Was sind ihre Pläne für das Projekt „5x Deutschland“?

Noch ist das Projekt in Arbeit. Teilweise fehlen noch Förderungen, zum Beispiel für Südafrika und Mexiko. Im Anschluss soll eine Fotoausstellung entstehen. Sie wird in Deutschland, aber auch international gezeigt. Ein weiteres Ziel ist, das Material als Buch zu publizieren.

Nähere Informationen unter: www.joergmuellerfotografie.de.

Das Interview führte Magdalena Sturm.

Ein Fotoworkshop mit Jörg Müller

JoergMueller WorkshopAm 25. Oktober 2016 lud das Sprachlernzentrum – Partner des Goethe-Instituts in Omsk den deutschen Fotografen Jörg Müller zu einem Workshop ein. Deutschlerner ab dem Niveau A2 lernten, was ein gutes Reportagebild ausmacht und erhielten wertvolle Tipps vom Profi. Die Teilnehmer hatten im Voraus eigene Fotoserien vorbereitet. Die besten Arbeiten wurden mit Preisen ausgezeichnet.

Fotos: Magdalena Sturm (Jörg Müller mit einem Foto aus der Litkowka-Serie), 
Ksenia Chukhno/Goethe-Sprachlernzentrum in Omsk (Jörg Müller beim Workshop)

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