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Jüdische Traditionen pflegen

In der Ukraine leben und jüdisch bleiben

vitamin de Ausgabe Nr. 85, Regionalausgabe Ukraine

MariiaMariia Estrina ist Ukrainerin mit jüdischem Glauben. Sie setzt sich für den Erhalt der jüdischen Kultur in ihrer Heimatstadt Lwiw ein. Deshalb unterstützt sie ehrenamtlich die Kulturarbeit der Scholem-Alejchem-Gesellschaſt und hilft beim Umbau der Lwiwer Chassidischen Synagoge. In einem Gespräch erzählte sie von ihrer Familie und den jüdischen Traditionen.

 

Mariia kennt viele Geschichten aus ihrer jüdischen Familie. In einer geht es zum Beispiel um ihre Großeltern: Während des Holocausts hat ein orthodoxer Priester eine jüdische Frau in seiner Kirche versteckt und sie so vor dem Tod gerettet. Später haben sie sich ineinander verliebt und geheiratet. Für Mariia ist dies nicht bloß die Liebesgeschichte ihrer Großeltern. Ihr Großvater ist ihr zum Vorbild geworden – durch seinen Mut und seine Entschlossenheit. Es war aber nicht nur ihre eigene Familiengeschichte, die ihr Bewusstsein für das Judentum in der Ukraine schärfte. Sie besuchte auch eine jüdische Schule, wo sie viel über die jüdische Sprache und Kultur erfuhr. Und obwohl sie kein Hebräisch spricht, besucht sie den Gottesdienst am Sabbat. „Während der Rabbi die Thora auf Hebräisch vorliest, folge ich der russischen Übersetzung“, erzählt sie.

Mariias jüdische Hochzeit

In Lwiw werden die jüdischen Traditionen gepflegt. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde feiern den Sabbat gemeinsam. „Wir treffen uns jeden Freitag in der Chassidischen Synagoge, lesen bestimmte Passagen aus der Thora und besprechen sie. Danach essen wir Matze und trinken Wein“, erzählt Mariia. „Besonders spannend ist eine traditionelle jüdische Hochzeit.“ Mariia kann dies aus eigener Erfahrung berichten. Sie und ihr Ehemann Alexander Nazar, Leiter der Scholem-Alejchem-Gesellschaſt , haben im Mai 2019 geheiratet. Wenn Mariia von diesem Ereignis erzählt, leuchten ihre Augen. „Vor der Hochzeit geht das Paar zum Rabbiner, der mit ihnen über Ehe und Familie spricht. Dann taucht die Braut in die Mikwe ein, das Ritualbecken, um sich zu reinigen. Sie fastet und darf den Bräutigam bis zur Trauung in der Synagoge nicht sehen. Während der Zeremonie tritt das Paar gemeinsam unter die Chuppa, das Hochzeitsdach.“ Nach der Vermählung geben angesehene Gemeindemitglieder dem Paar die sieben Segen. „Und obwohl Männer und Frauen nicht am selben Tisch sitzen dürfen, saßen bei unserer Hochzeit alle zusammen“, fährt Mariia fort. „Sie haben nur getrennt getanzt, sonst hätte dies anstößig wirken können.“

Das Lwiwer Judentum

Die einzigartige jüdische Kultur ist in Lwiw überall zu sehen: in Denkmälern, zwei erhaltenen Synagogen, auf bunten Fresken in der Chassidischen Synagoge und in einigen Nischen in Hauseingängen, in denen früher, wie Mariia erklärt, Pergamentrollen mit Gebeten aus der Thora lagen. Sie werden Mesusa genannt. Aber vor allem verdankt die jüdische Kultur in Lwiw ihren Erhalt den Mitgliedern der Scholem-Alejchem-Gesellschaſt . Sie wollen nicht zulassen, dass das jüdische Leben in Lwiw erlischt.

Yustyna Koval, Alina Oleksiuk

Foto: Yustyna Koval und Alina Oleksiuk (Mariia Estrina), DAAD (Logo)

* Der Artikel über Mariia Estrina entstand im Fachsprachenkurs „Journalistisches Schreiben und fotojournalistisches Storytelling für Studierende“. Der Kurs wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) mit Mitteln des Auswärtigen Amts (AA) gefördert.

 

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