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Litkowka

Ein deutsches Dorf in der Taiga

Ellen EichhornVon 2015 bis 2017 arbeitete Ellen Eichhorn aus Steinach in Thüringen als Sprachassistentin im „Zentrum für Deutsch – Partner des Goethe-Instituts“ im westsibirischen Omsk. In dieser Zeit besuchte die 29-Jährige das russlanddeutsche Dorf Litkowka. Über ihre Eindrücke spricht sie im Interview.

Wo genau liegt Litkowka?

Litkowka liegt in der Taiga, etwa 400 Kilometer nördlich der Stadt Omsk. Von Omsk aus fährt man am besten mit der Marschrutka, dem Sammeltaxi, in die Kreisstadt Tara. Das dauert etwa fünf bis sechs Stunden. Von dort führt nur eine unbefestigte Straße in das Dorf. Diese Strecke legt man dann am besten mit dem Auto zurück. Insgesamt ist man von Omsk nach Litkowka etwa einen Tag unterwegs. Litkowka liegt sozusagen hinter’m Wald und dann noch zehn Mal links.

Was waren deine ersten Eindrücke?

Wir wurden unglaublich herzlich empfangen. Ich kenne die russische Gastfreundschaft, aber so viel Gastfreundschaft kann man sich kaum vorstellen. Das war noch mal herzlicher als es bei den Russen ohnehin ist! Als ich nach Hause fuhr, hatte mein Koffer gefühlt 40 Kilogramm: Kartoffeln, Rote Beete, eingemachte Gurken – und alles aus dem Eigenanbau.

Wie sieht das Dorfleben aus?

Litkowka ist eine der letzten Kolchosen Russlands. Das waren landwirtschaftliche Großbetriebe, die von einem Kollektiv von Landwirten bewirtschaftet wurden. Die meisten Kolchosen brachen nach dem Zerfall der Sowjetunion zusammen oder wurden privatisiert. In Litkowka lebt noch heute fast das ganze Dorf von der Milchproduktion. Eine eigene Verarbeitung gibt es nicht. Die Milch wird nach Tara gebracht. Die Milchtransporter sehen aus wie Militärfahrzeuge. Auf den unbefestigten Straßen kommt man nur mit solchen Fahrzeugen voran. Die Männer leben abwechselnd in Litkowka und in anderen Städten, zum Beispiel in Syktywkar in Nordwestrussland oder in Surgut in Westsibirien. Dort arbeiten sie für die Gas- und Ölindustrie oder in der Holzwirtschaft. Obwohl Surgut und Litkowka nur 200 Kilometer voneinander entfernt sind, dauert die Fahrt etwa drei Tage. Die Männer müssen das Sumpfgebiet im Norden des Dorfes mit einem großen Bogen über Omsk umfahren.

Was ist in Litkowka heute noch „deutsch“?

Kulturhaus Litkwoka

Das Dorf ist mit seinen bunten kleinen Holzhäusern sehr ordentlich. Es gibt neben dem Kindergarten und der Schule auch ein deutsches Kulturzentrum. In der Kirche stehen deutsche Inschriften, die Straßennamen sind auf Deutsch. Viele ältere Leute sprechen noch im deutschen Dialekt. Die Kinder verstehen die Sprache, sprechen aber meist Russisch. Ich habe eine Familie in Litkowka privat besucht. Die älteste Tochter ist etwa 15 Jahre alt. Die Oma spricht mit ihr im deutschen Dialekt, der Vater Russisch. Selbst, wenn seine Schwiegermutter ihn dann rügt: „Sprich Deutsch, du kannst es doch!“

Ist Deutsch an der Schule verpflichtend?

Ja, Deutsch ist die erste Fremdsprache im Dorf und von der Grundschule an verpflichtend. Es gibt nur eine Deutschlehrerin, Ludmila Fengler. Bald geht sie in Rente und dann wird ihre 23-jährige Tochter die Stelle übernehmen.

Welcher Dialekt wird in Litkowka gesprochen?

Als ich das erste Mal jemanden in Litkowka Deutsch sprechen hörte, erkannte ich die Sprache gar nicht sofort. Ich denke, dass es eine Mischung aus sächsischem und fränkischem Dialekt ist. Bei uns in Thüringen wird auch ein fränkischer Dialekt gesprochen, Itzgründisch. Deshalb habe ich das dann schon verstanden, aber im ersten Moment war ich einfach nicht darauf gefasst. Viele wissen selbst nicht mehr genau, woher ihr Dialekt kommt.

Haben die Bewohner noch einen Bezug zu Deutschland?

Manche Dorfbewohner sind nach Deutschland ausgewandert. Auch die Lehrerin Ludmila Fengler hat in Bayern gelebt. Nach ein paar Jahren ist sie aber mit ihren zwei Töchtern nach Litkowka zurückgekehrt. Manche sind in Deutschland geblieben und andere sagen sich: Heimat ist Heimat.

Bekommt Litkowka Unterstützung aus Deutschland?

Vor einigen Jahren kamen deutsche Politiker und Diplomaten in das Dorf. Wenn es in Litkowka eine Woche regnet, kommt niemand ins Dorf hinein oder aus dem Dorf heraus. Deshalb wollten sie mit deutschen Fördermitteln eine befestigte Straße bauen. Dazu kam es aber leider nicht. Die Evangelisch-Lutherische Kirche schickt Bücher und Kleidung. Und die über 80-jährige geistliche Schwester Luise Kunz kommt regelmäßig zu Besuch und kümmert sich um die älteren Menschen. Die Kinder und Jugendlichen freuen sich über Besuch aus Deutschland. Ein deutscher Praktikant, der den Deutschunterricht unterstützen oder Veranstaltungen organisieren würde, wäre eine Bereicherung für das ganze Dorf.

Tipp: Fotos aus Litkowka
Fotograf Jörg Müller aus Hamburg hat eine Fotoserie zum russlanddeutschen Dorf Litkowka erstellt. Sie ist hier zu finden.

Das Interview führte Magdalena Sturm.
Fotos: © Goethe-Institut/Jörg Müller (Ellen Eichhorn, Kulturzentrum in Litkowka)

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