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Von "Hinkeln" und "Kickeln"

Russlanddeutscher Dialekt

Lilia ProchorowaLilia Prochorowa ist Deutschlehrerin an der Schule Nr. 19 im westsibirischen Omsk. Die 64-Jährige kommt aus einer russlanddeutschen Familie und ist zweisprachig aufgewachsen. Im Interview spricht sie über ihre Familiengeschichte und über russlanddeutsche Dialekte.

Woher kommen deine Vorfahren?

Meine Vorfahren kamen aus Deutschland und haben sich zur Zeit von Katharina II. an der Wolga angesiedelt. Im 19. Jahrhundert sind meine Urgroßeltern nach Amerika gegangen. Warum, weiß ich nicht. Damals sind viele Russlanddeutsche mit dem Schiff nach Amerika gefahren. Auf den Passagierlisten haben wir meine Verwandten gefunden. Meine Großeltern wollten immer nach Russland zurück. Mein Großpapa wollte in der Landwirtschaft arbeiten. In den 1920er- und 1930er-Jahren war in den USA die Wirtschaftskrise. 1924 kehrten meine Großeltern nach Russland zurück. Dort wurde ihnen Ackerland zugesprochen. Mein Großpapa hat oft gesagt, dass die Jahre an der Wolga für ihn die glücklichsten waren. Meine Mutter kam noch in Amerika zur Welt. In Milwaukee, Wisconsin.


Deutschland liegt mir am Herzen

Gespräch mit einer Russlanddeutschen

Pauline FotoPolina Popp aus Omsk in Sibirien möchte ab Herbst 2018 in Berlin Modedesign studieren. Die 19-Jährige hat zu Deutschland eine ganz besondere Beziehung: Polina ist Russlanddeutsche. Ihr Großvater wurde in der deutschen Stadt Balzer an der Wolga geboren. Im Interview spricht sie über ihre Familiengeschichte.

Woher kommen deine Vorfahren?

Meine Urgroßeltern väterlicherseits haben Deutschland verlassen und sind an die Wolga gezogen, in die deutsche Stadt Balzer. Dort kam mein Opa 1938 zur Welt. Drei Jahre später wurden die Russlanddeutschen nach Sibirien vertrieben. Die Familie meines Opas kam nach Iskitim, 65 Kilometer südlich der Stadt Nowosibirsk. Dort hat mein Opa meine Oma, eine Russin, kennengelernt.


Litkowka

Ein deutsches Dorf in der Taiga

Ellen EichhornVon 2015 bis 2017 arbeitete Ellen Eichhorn aus Steinach in Thüringen als Sprachassistentin im „Zentrum für Deutsch – Partner des Goethe-Instituts“ im westsibirischen Omsk. In dieser Zeit besuchte die 29-Jährige das russlanddeutsche Dorf Litkowka. Über ihre Eindrücke spricht sie im Interview.

Wo genau liegt Litkowka?

Litkowka liegt in der Taiga, etwa 400 Kilometer nördlich der Stadt Omsk. Von Omsk aus fährt man am besten mit der Marschrutka, dem Sammeltaxi, in die Kreisstadt Tara. Das dauert etwa fünf bis sechs Stunden. Von dort führt nur eine unbefestigte Straße in das Dorf. Diese Strecke legt man dann am besten mit dem Auto zurück. Insgesamt ist man von Omsk nach Litkowka etwa einen Tag unterwegs. Litkowka liegt sozusagen hinter’m Wald und dann noch zehn Mal links.


Mein deutscher Urgroßvater

Auf den Spuren der Vorfahren

olgaaOlga Tefs aus Omsk hat ihren Großvater nie kennengelernt. Ihr Vater wuchs als Waise auf. Nur eines wusste Olga: Ihr Vater hat deutsche Vorfahren. Das wollte die 26-Jährige genauer wissen und begab sich auf die Suche nach ihren Verwandten. Im Interview mit vitamin de erzählt sie davon.

Kannst du uns ein bisschen von deiner Familie erzählen?

Meine Mama ist Russin, mein Papa hat deutsche Vorfahren. Seine Eltern sind früh verstorben, deshalb wussten wir lange nichts Genaues über die Familiengeschichte. In meiner Geburtsurkunde und in der meines Vaters ist die deutsche Nationalität angegeben. Als mein Vater seinen ersten Reisepass bekam, hatte man Angst, dass das ein Nachteil sein könnte. So wurde die Nationalität seiner Mutter, einer Ukrainerin, angegeben. Ich wollte mehr über meine russlanddeutschen Verwandten erfahren und meine Wurzeln kennenlernen.


Schwarzbrot und Riwwelkuchen

Eine deutsche Bäckerei in Sibirien

Deu Baeckerei Dorf Alexandrowka Foto Magdalena Sturm kleinVor 25 Jahren wurde in Westsibirien der Deutsche Nationalkreis Asowo gegründet. Im ältesten Dorf des Nationalkreises, Alexandrowka, wird seit 1998 wieder Brot nach deutschen Rezepten gebacken. Der Russlanddeutsche Valerij Root leitet hier die „Дойче Бэкэрай“ (Deutsche Bäckerei) mit zwanzig Mitarbeitern.

Das 1300-Seelen-Dorf Alexandrowka liegt 85 Kilometer südwestlich der Gebietshauptstadt Omsk in der sibirischen Waldsteppe. Die Fahrt dorthin führt über weite Strecken durch eine ebene, schneebedeckte Landschaft, vorbei an vereinzelten, kleinen Birkenwäldern. Beim Ortsschild „Alexandrowka“ biegt man direkt in die Hauptstraße des Dorfes ein, in der sich niedrige, bunte Holzhäuser aneinanderreihen. Vor einem der Hauseingänge schaufelt ein älterer Mann den Schnee zur Seite. Zwei Mädchen gehen in Wintermänteln und Mützen, den Schulranzen auf dem Rücken, die verschneite Straße entlang. Es ist ruhig im ältesten deutschen Dorf Sibiriens. Alexandrowka wurde 1893 von wolgadeutschen Kolonisten gegründet. Ab den späten 1980er-Jahren wanderte der Großteil der Bewohner nach Deutschland aus. Nur zehn Prozent der Russlanddeutschen sind geblieben. Obwohl sie im Alltag meist Russisch sprechen, ist Deutsch für sie nach wie vor auch Muttersprache. So wie für Valerij Root. „Meine Mutter ist Wolgadeutsche“, erzählt er. Dabei rollt er das „r“ und sagt „Wolgadeitsche“. „Mit meiner Frau und meiner Tochter spreche ich in unserem deutschen Dialekt“. Valerij Roots Eltern sind nach Niedersachsen ausgewandert. Er selbst ist oft in Deutschland und hat dort auf einem Bäckereiseminar gelernt, Brot nach deutschen Rezepten zu backen.


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